Der Einfluss der Philosophie auf das theologische Werk von Sa'd ad-Din at-Taftazani (st. 1390)

Verantwortlicher Dr. Thomas Würtz
Trägerschaft Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Phililogie
Betreuung Prof. Dr. Ulrich Rudolph (U Zürich) 
Finanzierung Kantonale Mittel

Saʿd ad-Dīn at-Taftāzānī war ein bedeutender muslimischer Gelehrter, der Zeit seines Lebens im östlichen Teil der islamischen Welt gewirkt hat und 1390 am Hof von Timur Lenk in Samarkand verstarb. Er ist bekannt für die Breite seiner Bildung als Rhetoriker und Jurist sowie seine anhaltende Wirksamkeit als Lehrautorität in der ašʿarītischen Theologie. So werden seine theologischen Schriften zum Teil bis heute an der Azhar-Universität in Kairo für den Unterricht am Fachbereich für Glaubenslehre und Philosophie (qismu l-ʿaqīda wa-l-falsafa) verwendet und sind Gegensand dort verfasster wissenschaftlicher Arbeiten. Eine auf ihn fokussierte Bearbeitung aus islamwissenschaftlicher Perspektive steht allerdings noch aus und soll nun im Rahmen einer Dissertation geleistet werden.

Im Vordergrund des Dissertationsprojekts stehen dabei seine theologischen Schriften. Das Einführungswerk Šarḥu l-ʿaqāʾid an-nasafīya (Kommentar zum  Glaubensbekenntnis des Nasafī), das Hauptwerk Šarḥu l-maqāṣid (Kommentar der Untersuchungsgebiete) und die konzentrierte Zusammenfassung Tahḏību l-kalām (Erläuterung der Theologie).
Inhaltlich sind seine Schriften von der Auseinandersetzung der islamischen Theologie (ʿilmu l-kalām) mit der islamischen Philosophie (falsafa), wie sie vor allem durch Ibn Sīnā (st. 1037) Gestalt gewonnen hat, geprägt. Zugleich werden in ihnen frühere Diskussionen divergierender theologischer Lehrrichtungen, vor allem der Ašʿarīten und Muʿtaziliten fortgeführt. Alle Schriften Taftāzānīs umfassen dabei das gesamte Lehrgebäude islamischer Theologie, weshalb im Rahmen der Arbeit eine Auswahl zu treffen war.

Diese Auswahl exemplarisch zu untersuchender Themengebiete hat sowohl die theologisch-philosophische Debatte als auch innertheologische Streitpunkte berücksichtigt. In Auseinandersetzung mit der Philosophie waren drei Themen für Theologen zentral:
Dies war erstens die Frage, ob die Welt urewig sei, wie es die islamischen Philosophen vertraten, oder in der Zeit geschaffen sei, wie es der theologischen Lehrmeinung entspricht. Die zweite Frage betraf das göttliche Wissen. Kennt Gott nur die allgemeinen Prinzipien oder auch die Einzelereignisse des weltlichen Geschehens, wie die Theologen sagten? Die dritte Frage drehte sich um das menschliche Jenseitsschicksal. Wird der Mensch geistig und körperlich oder nur geistig auferstehen? Hier vertraten die Philosophen eine rein geistige Auferstehung und versuchten nachzuweisen, dass die zweite Schöpfung eines identischen menschlichen Körpers eine Unmöglichkeit sei, während Theologen genau diese im Koran beschriebene körperliche Neuschöpfung zu untermauern suchten.
In der Arbeit wird davon die Frage nach der Schöpfung und die Auferstehungslehre aufgegriffen, wobei letztere bis heute im Unterricht der Azhar an Hand von Taftāzānīs Hauptwerk unterrichtet wird. Hierbei erscheint im Rahmen einer theologiegeschichtlichen Forschung besonders relevant, dass sich oft eine Ablehnung der philosophischen Position im allgemeinen mit einer Übernahme von Details dieser Position kombiniert findet. Ergänzt werden diese Themen mit dem Komplex der Handlungstheorie, um auch der innertheologischen Debatte Rechung zu tragen, in der die Frage nach der Willensfreiheit des Menschen oder der Vorherbestimmung durch die göttliche Allmacht umstritten war.

Bei der Beschäftigung mit Taftāzānīs Argumentationen auf den genannten Gebieten werden seine Werke einem Vergleich mit den theologischen Schriften seiner Zeitgenossen al-Īǧī (st. 1355) und al-Bayḍāwī (st. 1316) sowie punktuell mit den Werken des etwas früheren ašʿaritischen Theologie ar-Rāzī (st. 1210) unterzogen. Dabei lassen sich trotz aller Gemeinsamkeit der Werke Unterschiede im Detail ausmachen, wobei gerade Taftāzānī sich mehr als andere philosophischer Positionen bedient, um Argumente gegen die Muʿtazila zu gewinnen oder muʿtazilitische Positionen gegen philosophische Lehren wendet.
Neben dem Vergleich von Taftāzānī mit anderen Autoren erscheint es zudem unerlässlich, die Schriften Taftāzānīs hinsichtlich ihrer inneren Struktur differenzierter zu charakterisieren. So lassen sich trotz eines ähnlichen Grundaufbaus und trotz in allen drei Schriften wiederkehrender Argumente wichtige Unterschiede ausmachen. Das Einführungswerk Šarḥu l-ʿaqāʾid an-nasafī folgt dabei einer populären Aufstellung von Glaubensartikeln und liefert dafür gezielt theologische Argumente. Das Hauptwerk Šarḥu l-maqāṣid bildet demgegenüber die Diskussion der Fachgelehrten über die Jahrhunderte hinweg ab, weswegen sich hier die ganze Breite der Diskussion im kalām ablesen lässt. Dabei hat Taftāzānī auch ältere Argumentationsstränge mitgeliefert, die für seine Beweisführung im Kern unerheblich sind. Das kleinere Spätwerk Tahḏību l-kalām entspricht am ehesten dem, was heute als systematische Einführung gilt, denn der Ausgangspunkt für die systematische Argumentation bildet hier auch den Einstieg in die Thematik.

Von daher verfolgt das Projekt insgesamt das Ziel, Taftāzānīs Werk im Hinblick des philosophischen Einflusses auf die theologische Argumentation zu analysieren, zugleich aber auch herauszustellen, wie seine verschiedenen Schriften trotz ähnlicher Argumentationsbestandteile unterschiedlichen darstellerischen Systematiken folgen.