Secular Rationalities and Political Islam in France (1989-2014)

Verantwortlicher Prof. Dr. Frank Peter
Trägerschaft Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Phililogie
Betreuung
Finanzierung Kantonale Mittel

Die typische Form der Kontroverse um den Islam in Europa stellt Muslime, insbesondere Muslime mit einem umfassenden Geltungsverständnis des Islam, und säkulare Ordnungen in Opposition zueinander. In diesem Projekt wird diese Debatte um Säkularismus am Fall der „Union des Organisations Islamiques de France“ dezentriert.
Ausgangspunkt der Untersuchung ist die breite Problematisierung eines Säkularismusbegriffes, der als in sich schlüssig aus Rechtsdiskurs und politischer Philosophie abgeleitet und als im Gegensatz zu Religion verstanden wird. Hier hingegen wird das „säkulare Regime“ als heterogenes und instabiles Ensemble politischer Rationalitäten erfasst, die unterschiedliche Zielsetzungen, Epistemologien, Subjektformen und Autoritäten implizieren. Auch wenn diese Rationalitäten immer wieder auf ein behauptetes übergreifendes Korrelationsprinzip bezogen werden, so ist doch Divergenz, Inkohärenz und Wandel ein konstitutives Kennzeichen dieses Ensembles, das das Recht in immer neue Formationen einbindet und wirksam werden lässt. 
Mit dieser Konzeptualisierung von Säkularismus in Frankreich wird die Diskussion um die Möglichkeit, den Islam allumfassend zu leben wie auch hieraus resultierende normative Konflikte neu gefasst. Die häufige Feststellung, dass der laizistische Kontext Frankreichs unvollkommen in dem Sinne ist, Staat und Religion – gerade im Hinblick auf den Islam – nicht konsequent voneinander zu trennen, wird ins positive gewendet und zur Frage umformuliert, auf welche unterschiedlichen Weisen – d. h. als was und wie – Islam und Muslime rationalisiert werden und wie diese Rationalitäten der (Selbst-)Regierung von Muslimen aufeinander bezogen sind.
Die Problematik der Religionsfreiheit und der Gleichheit verknüpft sich so mit Wahrscheinlichkeitsprognosen und Annahmen über normale Religiosität, durch die Muslime in Frankreich sozial durch Experten situiert und problematisiert werden, die den laizistischen Kontext als Handlungsraum für Muslime neuartig definieren. Das muslimische Engagement gegen gruppenbezogene Diskriminierung führt sowohl zur Mobilisierung für gleiche Bürgerrechte und öffentliche Anerkennung des Islam wie auch zur Konstitution eines liberalen Wirtschaftssubjektes, das im Gegensatz zum Diskurs der Opferschaft gedacht wird und moralische Handlungsfähigkeit sichern soll. Der ständige Rekurs auf das Konzept der Bürgerschaft in muslimischen Rechtsdiskursen, die eine Legitimierung der muslimischen Präsenz in Frankreich anstreben, geht einher mit der Kultivierung einer ironischen Distanz zur französischen Politik in ihren islamophoben Dimensionen und mit einer Erinnerungsarbeit, die den Rechtsstatus des Bürgers an Vorstellungen geteilter Geschichte anbindet.
In diesen und anderen Fällen wird die Untersuchung von Säkularismus in Frankreich in einer relationalen Perspektive aus ihrer relativen Beschränkung auf das Feld der „religiösen Praktiken“ (Kopftuch, Moscheenbau, ...) gelöst. Säkulare Rationalitäten werden als Bedingungen muslimischen Lebens analysierbar: sie schaffen unterschiedlich strukturierte Freiheitsräume und Formen der Beschränkung und müssen gleichzeitig immer wieder in totalisierenden Diskursen in ein einheitlich gedachtes säkulares System integriert werden. Die Schwierigkeit, die islamische Tradition im säkularen Kontext Frankreichs als in sich kohärent zu formmulieren, wird so in ihrer Vielschichtigkeit erfassbar.