Der Materialismus-Streit auf Osmanisch

Verantwortlicher Enur Imeri, M.A.
Trägerschaft Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Phililogie
Betreuung Prof. Dr. Anke von Kügelgen 
Finanzierung Schweizerischer Nationalfonds

Das Dissertationsprojekt behandelt die philosophischen Entwicklungen im Osmanischen Reich im letzten Viertel des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Fokus liegt dabei auf einer osmanischen Spielart des sogenannten „Materialismus-Streits“, welcher seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine der grössten Herausforderungen der Philosophie in ihrer Begegnung mit weltanschaulichen Implikationen der Entwicklung der positiven Wissenschaften (insbesondere der Erkenntnisse in der Biologie) darstellte und die widerstreitenden Positionen darin in diversen Kontexten nicht nur als Philosopheme, sondern auch als ideelle Untermauerung vieler sozialreformatorischer Programmatiken herangezogen wurden.

Der Materialismus-Streit ist in der europäischen Philosophiegeschichtsschreibung bisher als ein fachinterner westlicher Diskurs im Rahmen problemgeschichtlicher Ansätze behandelt worden. Dadurch wird die globale Verflechtung dieses Diskurses im ausgehenden 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts aussen vor gelassen. Eine solche Philosophiegeschichtsschreibung läuft mithin die Gefahr, sich nicht nur hinsichtlich ihrer lokalen Fokussierung, sondern auch hinsichtlich ihrer epistemologischen Grundlagen zu isolieren. Stattdessen geht mein Projekt davon aus, dass die Philosophiegeschichte, ebenfalls als Teil einer globalen Verflechtungsgeschichte geschrieben, ihre epistemologischen Grundlagen durch Erweiterung ihrer problemgeschichtlichen Perspektive um Verflechtungen auf der globalen Bühne erweitern kann. Die Motivation und die Notwendigkeit der Analyse des Materialismus-Streites unter osmanischen Intellektuellen erklären sich zum einen aus dieser theoretischen Grundüberzeugung. Zum anderen sind die Breitenwirkung der Rezeption dieser Positionen im osmanischen Kontext und die diskursiv autonom geführte Kontroverse um weltanschauliche Implikationen des Materialismus für die Entwicklung der Philosophie und der Philosophiegeschichtsschreibung in der Türkei und im Nahen Osten von höchster Relevanz gewesen. Mein Dissertationsprojekt will die argumentativen Grundlagen dieser in mehrerer Hinsicht fachübergreifen relevanten Kontroverse im osmanisch-türkischen Kontext analysieren.

Im osmanischen Kontext führte dieser Diskurs ein von der Forschung bisher kaum wahrgenommenes Eigenleben. Die Positionen der Diskursteilnehmer entfalteten nicht nur im Hinblick auf ihre Positionierung in dieser Thematik eine grosse Breitenwirkung, sondern deren philosophische Positionierungen wurden wegweisend auch für die sozialen und politischen Bewegungen sowie für die ideologische Landschaft im Osmanischen Reich und in der entstehenden Republik Türkei. Das Projekt will eine ideengeschichtliche Arbeit sein, in der neben der Erarbeitung und Darstellung der genealogischen Entwicklung materialistischer sowie anti-materialistischer Philosophiekonzeptionen im Osmanischen Reich aus einer historischen Perspektive auch die argumentative Struktur der vertretenen Positionen vertieft analysiert werden, um den problemgeschichtlichen Gehalt des Diskurses einschlägig zu erörtern. Dieser Zugang soll helfen, ausgehend von der Selbstbezeichnung der Protagonisten als philosophisch sowie aus ihren Rezeptionsstrategien, ihre jeweils eingenommenen Positionen in einem weiteren Schritt in eine sich global bedienende Philosophiegeschichte einzugliedern. Die Freilegung des philosophisch-argumentativen Gehalts der analysierten Positionen soll im Rahmen dieser Dissertation und meiner geplanten künftigen Forschung dazu dienen, diese Positionen auf einer vergleichenden Ebene mit der aus den philosophischen Positionen des 19. Jahrhunderts entstandenen Bifurkation zahlreicher philosophischer Zweigrichtungen wie z.B. Lebensphilosophie, philosophische Anthropologie, Metaphysik(-kritik), Existenzphilosophie etc. in Verbindung zu bringen, um einer von der Verflechtung vieler globaler Kontexte ausgehenden Historiografie der Philosophie neue epistemologische Impulse zu verleihen.

Aus methodischer Sicht werden mithilfe eines kontextuellen Ansatzes die diskursiven Dynamiken und die philosophische Tragweite der Argumentationen und Positionierungen analysiert. Des Weiteren wird Textanalyse wird um begriffsgeschichtliche Zugänge erweitert, welche die Transformation in der Semantik der zentralen, auf eine bis in das islamische Mittelalter zurückreichende Begriffstradition zurückblickenden Konzepte wie Philosophie (arab. falsafa) oder Wissen/Wissenschaft (arab. ʿilm) in das Zentrum der Analyse der Argumentationen der kontroversen Positionen stellt. den Kontext und die Tragweite der Argumente anhand der semantischen Implikationen der den Diskurs beherrschenden Begriffe adäquat zu erschliessen.