Religionskritik am Beispiel dreier iranischer Dissidenten: Āḫūndzāde (1812-1878), Kermānī (1853/54-1896) und Kasrawī (1890-1946)

Verantwortlicher Mahdi Rezaei-Tazik, M.A.
Trägerschaft Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Phililogie
Betreuung Prof. Dr. Anke von Kügelgen 
Finanzierung Schweizerischer Nationalfonds

In dieser Studie wird die Entstehung und Entwicklung von Religionskritik im Sinne der Aufhebung, Substitution oder Neubestimmung der Religion unter iranischen Intellektuellen seit der direkten Auseinandersetzung mit der intellektuellen und materiellen ‘Moderne’ bis Mitte des 20. Jahrhunderts untersucht. Als ihre Protagonisten gelten Mīrzā Fatḥ ʿAlī Āḫūndzāde (1812-1878), Mīrzā Āqā Ḫān Kermānī (1853/54-1896) und Aḥmad Kasrawī (1890-1946). Ungeachtet ihres Rufes als Religionskritiker standen bislang ihre zahlreichen anderen Aktivitäten als Dramatiker, Bildungsreformer oder Historiker nationalistischen Einschlags im Vordergrund des Forschungsinteresses. Erstmalig sollen mit der geplanten Studie die religionskritischen Ansätze dieser einflussreichen Denker systematisch untersucht werden.

Ziel der Untersuchung ist es, die Hauptcharakteristika der Religionskritik mit Hilfe eines Kategoriensystems und auf dieser Basis vor dem Hintergrund des gesellschaftspolitischen Kontextes miteinander zu vergleichen, um damit die Verschiedenartigkeit wie auch Gemeinsamkeiten und Entwicklungslinien iranischer Religionskritik zu erfassen und sie in einen transfergeschichtlichen Kontext zu stellen. Im Vordergrund der Analyse stehen a) die Gegenstände der Kritik, b) die Argumentationsformen, c) das jeweilige Religionsverständnis, d) die Motive der Kritik und e) das Verhältnis von Religion zu Philosophie, Wissenschaft, Moral und Mystik sowie zum Staat und zur iranischen Antike.

Āḫūndzāde hat mit seinem Hauptwerk «Maktūbat» (Briefe), in dem die Religion bzw. der Islam als menschengemacht und als einer der Hauthindernisse zum Fortschritt deklariert wird, einen grundlegenden Diskurs um Religons- bzw. Islamkritik ausgelöst. Inspriert von den «Maktūbat» schrieb der bekannteste und mächtigste Journalist und Theoretiker des iranischen Nationalismus, Kermānī, im Istanbuler Exil zahlreiche religions- bzw. islamkritische Werke – darunter sein Hauptwerk «Se Maktūb» (Drei Briefe). Die beiden Autoren leisteten zudem einen Beitrag zur Entstehung der Diskurse der Konstitutionellen Revolution (1905-1911). Und auch Kasrawī kam dank Freunden mit Kermānīs Werken in Berührung, nimmt einige Thesen auf, deklariert die Offenbarungsreligionen als veraltet und entwickelt die Natur-Theologie in Iran. Kasrawī ging ebenfalls sehr scharf mit dem Islam und insbesondere der Schia ins Gericht, sodass die Ulema und darunter der junge Khomeini bzw. der spätere zukünftige Begründer der Islamischen Republik Iran die Masse gegen ihn mobil machten. Kurz darauf wurde er von Islamisten ermordet.

Einige Vorarbeiten wurden schon geleistet. Sie sind im von Frau Prof. Dr. Anke von Kügelgen herausgegebenen Band «Wissenschaft, Philosophie und Religion – Religionskritische Positionen um 1900. Texte von Mīrzā Fath ʿAlī-ye Ākhūndzāde, Mīrzā Āqā Khān-e Kermānī, Ahmed Midhat Efendi und Baha Tevfik, Berlin: Klaus Schwarz Verlang, 2017, S. 121-228» nun publiziert. Ākhūndzādes Hautthesen zur Religion werden – in Form einer kommentierten Übersetzung – zum ersten Mal einem west-europäischen Publikum vorgestellt.  Eine Phase von Kermānīs Religionskritik wird ebenfalls in diesem Band mit einer kommentierten Übersetzung beleuchtet.