Revolte der Lebenswelt: Jugend in Tunesien und die tunesische Revolution 2011

Verantwortlicher Jonas Röllin, M.A.
Trägerschaft Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Phililogie
Betreuung Prof. Dr. Reinhard Schulze 
Finanzierung Schweizerischer Nationalfonds
Im Dezember 2010 begannen in Tunesien landesweite Revolten, die am 14.01.2011 zum Sturz des Regimes von Ben Ali führten und denen Revolten und politische Umbrüche in anderen arabischen Ländern folgten. Die Revolten in Tunesien wurden überwiegend von sozialen Netzwerken junger Menschen getragen, die sich keiner bestimmten politischen Ideologie verpflichtet fühlten, sondern ihren pluralen Lebenswelten im öffentlichen Raum Freiheit und Geltung verschafften. In diesem Forschungsprojekt sollen die Revolten mittels einer sozialanthropologischen Lebensweltstudie aus der Perspektive der Jugendlichen und deren Erinnerungsnarrativen und Selbstberichten heraus erkundet und gedeutet werden. „Jugend“ wird dabei als ein Begriff affirmativer Selbstauslegung von jungen Tunesiern/Innen verstanden, die sich durch diese Selbstbezeichnung im öffentlichen Raum Geltung verschaffen. Die Erkundung, die sich auf ein Arbeiterquartier in Tunis konzentriert, erfolgt in vier Schritten: 1) Rekonstruktion alltäglicher Lebenswelten, durch das Beschreiben kollektiv geteilter Erfahrungsstrukturen; 2) Identifikation von Brüchen und Diskontinuitäten, die Jugendliche mit dem Ausbruch und Hergang der Revolten in Verbindung bringen; 3) Analyse der Revolten als Diskontinuität, in der Normbruch, Krise, Bewältigung und Reintegration betrachtet werden; und 4) Betrachtung der dynamischen Gemeinschaftsbildung von Jugendlichen in der Revolte.
Als Feldforschungsmethoden werden insbesondere die teilnehmende Beobachtung sowie bestimmte explorative Interviewformen angewandt. Diese sollen mit zeitgenössischen textlichen und audio-visuellen Selbstzeugnissen der Jugendlichen ergänzt werden. Das gewonnene Forschungsmaterial soll mit anthropologischen und hermeneutischen Ansätzen ausgewertet werden, die sich bezüglich der ethnographischen Erkenntnisse als adäquat erweisen werden. Die von Victor Turner im Rahmen seiner Ritualtheorie entwickelten analytischen Ansätze (soziales Drama; Statussystem/Liminalität; Struktur/Communitas; Norm/Wert) sind in dieser Hinsicht besonders vielversprechend.
Die Erforschung von Lebenswelten tunesischer Jugendlicher eröffnet die Möglichkeit, „akephale“ soziale Prozesse zu erkennen, die als neue Form einer „Anti-Politik“ Geltung beanspruchen. Zugleich kann in Erfahrung gebracht werden, ob sich solche Lebenswelten noch durch eine auf die Gesamtgesellschaft bezogene normative Ordnung integrieren oder ob sich hier ein Differenzierungsprozess innerhalb einer solchen Ordnung abzeichnet, der die Integrationsleistung der Gesellschaft überhaupt in Frage stellt. Forschungen zu Tunesien können analoge Forschungen in anderen arabischen Ländern anregen, um so zu einer komparatistischen Interpretation „anti-politischer“ Prozesse „akephaler“ sozialer Mobilisation zu gelangen. Konkret auf Tunesien bezogen können Lebenswelt-Forschungen auch dazu beitragen, die soziale und biographische Mobilität zu verstehen, die unter anderem dazu geführt hat, dass 2011 und 2012 über 200'000 Tunesier und Tunesierinnen ihr Land verliessen.