Von der Ideologie der Gemeinschaft zur Philosophie einer neuen Gesellschaft: Nāṣīf Naṣṣār im libanesischen Kontext

Verantwortlicher Michael Frey, M.A.
Trägerschaft Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Phililogie
Betreuung Prof. Dr. Anke von Kügelgen
Finanzierung im Rahmen der Redaktions-Stelle, vorher: Janggen-Pöhn-Stiftung St. Gallen

‘Liberales Denken’ scheint in der arabischen Welt der zweiten Hälfte des 20. und des 21. Jahrhunderts ein vernachlässigbares Phänomen zu sein. Dies suggeriert zumindest die Tatsache, dass es nur wenige Intellektuelle gibt, die sich selbst als ‘liberal’ bezeichnen würden. Aus diesem Grund haben jüngst Ideenhistoriker wie Christoph Schumann dafür plädiert, in anderen in der arabischen Welt dominanten Denkströmungen nach liberalen Ideen zu suchen, um so dem tatsächlichen Einfluss dieser Denktradition besser gerecht werden zu können.

Mein Forschungsprojekt reiht sich in diese Bemühungen um ein besseres Verständnis arabischer liberaler Denkströmungen ein. Es untersucht das Werk des Philosophen Nassif Nassar (geb. 1940), der sich selbst kritisch mit dem Liberalismus auseinandergesetzt hat, gleichzeitig aber eindeutig liberale Ideen vertritt. Trotz seiner breiten Rezeption in der arabischen Welt blieb Nassar in der hiesigen Forschung noch gänzlich unberücksichtigt.

Der Fokus meiner Untersuchung liegt auf Nassars Ausarbeitung einer Methode zur ideologiefreien philosophischen Beschäftigung mit gesellschaftlichen Problemen sowie seiner darauf aufbauenden politischen Philosophie. Diese beiden Problembereiche untersuche ich einerseits in ihrem zeithistorischen Kontext, und zwar v.a. vor dem Hintergrund der konfessionellen und ideologischen Desintegration der libanesischen Gesellschaft, in der Nassar wirkt. Damit soll jenen Stimmen arabischer Philosophen Rechnung getragen werden, welche die Wichtigkeit einer kontextualistischen Lektüre der arabischen Gegenwartsphilosophie betonen, so etwa Muḥammad al-Miṣbāḥī. Gleichzeitig bemühe ich mich um eine analytisch-kritische Auseinandersetzung mit den von Nassar im libanesischen Erfahrungshorizont entwickelten Ideen, um so in einen philosophischen Dialog mit ihm zu treten.

Die grundlegende Hypothese der Untersuchung ist, dass sich anhand der Begriffe ‘Gemeinschaft’ und ‘Gesellschaft’ sowohl zur libanesisch-kontextgebundenen als auch zur philosophisch-abstrakten Dimension von Nassars Werk sowie deren gemeinsamen Durchdringung einen Zugang verschaffen lässt. ‘Gemeinschaft’ (ǧamāʿa) spielt bei Nassar in seinen methodologischen Schriften v.a. der 1970er und 1980er Jahre eine wichtige Rolle, in denen er das primär den Interessen einer bestimmten historischen Gemeinschaft unterstellte und somit ideologische Denken verpflichten will, nach der Wahrheit an sich zu suchen, d.h. philosophisch zu werden. Diese systematischen Bemühungen Nassars um einen von Gemeinschaftsbezügen unabhängigen philosophischen Denkstandpunkt sind, so werde ich argumentieren, wesentlich vom Impetus geleitet, die Zerklüftung des libanesischen Gemeinwesens entlang religiös-gemeinschaftlicher Trennlinien sowie der damit eng verflochtenen politischen Ideologien auf ideeller oder geistiger Ebene zu überwinden, d.h. das Denken zu ‘entkonfessionalisieren’. Der Begriff ‘Gesellschaft’ (muǧtamaʿ) tritt dagegen v.a. in Nassars politisch-philosophischen Abhandlungen hervor, in denen er ein nicht-konfessionalistisches Gesellschaftsmodell entwirft. Er denkt dieses bereits 1970 in direkter Auseinandersetzung mit dem libanesischen Konfessionalismus an und entwickelt es, wie ich zeigen werde, in späteren Auseinandersetzungen mit Fragen zum Ursprung politischer Herrschaft oder bezüglich des Verhältnisses von individueller Freiheit und Gemeinwohl kontinuierlich weiter. Ihre philosophische Reife erhalten diese Ideen Nassars 2003 mit seiner Ausarbeitung eines ‘symbiotischen Liberalismus’ (lībrāliyya takāfuliyya). Dessen Ziel ist es, aus einer betont negativen historischen Erfahrung mit dem westlichen Liberalismus das Verhältnis von Freiheit, Herrschaft, Vernunft und Gesellschaft neu zu bestimmen. Im Speziellen die kritische Aufarbeitung und Analyse dieser Neubestimmung soll zum besseren Verständnis liberaler Denkströmungen in der arabischen Welt beitragen und hiesige Liberalismusdebatten bereichern.