Von der Ideologie der Gemeinschaft zur Philosophie der Gesellschaft? Nāṣīf Naṣṣār und der Geltungsanspruch der arabischen Gegenwartsphilosophie

Durchgeführt von Michael Frey, M.A.

Trägerschaft: Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie

Verantwortliche Betreuung: Prof. Dr. Anke von Kügelgen

Zusammenfassung

Der libanesische Philosoph Nāṣīf Naṣṣār (geb. 1940) nimmt sich in seinem Werk vieler Probleme an, die den philosophischen Diskurs in der arabischen Welt seit den späten 1960er-Jahren prägen: Sowohl in langen philosophischen Traktaten wie auch in kürzeren Artikeln z.B. in nationalen und panarabischen Tageszeitungen erörtert er etwa die Vereinbarkeit von eigenkulturellem Erbe (turāṯ) und Moderne, die historische Existenz des Menschen, die Rolle der Religion in Politik und Bildung sowie die Entstehung von Werten.
Das vorliegende Projekt untersucht Naṣṣārs Schaffen sowie Tendenzen von dessen Rezeption exemplarisch als Teil eines stets wichtiger werdenden philosophischen Diskurses innerhalb der arabischspracheigen Welt und versteht sich somit als Beitrag zur Erforschung der arabischen Gegenwartsphilosophie. Konkret sollen zunächst Naṣṣārs Bemühungen um die Begründung einer sowohl vom europäischen wie auch vom islamisch-mittelalterlichen Denken unabhängigen Philosophie in seinem Frühwerk im Zentrum stehen. Von speziellem Interesse wird hier Naṣṣārs intensive historisch-kritische Auseinandersetzung mit dem Historiker und Sozialphilosophen Ibn Ḫaldūn (st. 1406) sein sowie seine Beschäftigung mit „arabischen Aufklärern” wie Šiblī Šumayyil und nationalistisch-ideologischen Denkern wie Zakī al-Arsuzī, aber auch mit Philosophen wie Gabriel Marcel. Im Anschluss an die Untersuchung von Naṣṣārs Philosophieverständnis stehen drei Themenschwerpunkte seiner zweiten Schaffensperiode im Vordergrund. So sollen Naṣṣārs Herrschaftsphilosophie, seine Freiheitstheorie sowie seine Auseinandersetzung mit Werten untersucht werden, Themen, denen Naṣṣār seit den 1990er-Jahren mindestens je ein Werk gewidmet hat.
Insgesamt wird dieses Projekt gegenwärtig von der Arbeitsthese geleitet, dass sich Naṣṣārs Gesamtwerk anhand der Begriffe Gemeinschaft und Gesellschaft fassen lässt. Nicht nur versucht er in seinen frühen Werken das Denken in der arabischen Welt von seiner gemeinschaftsbezogenen und somit ideologischen Vereinnahmung in Richtung eines die Gesamtgesellschaft in den Blick nehmenden Philosophierens zu lenken. Auch in der Ausformulierung seiner philosophischen Positionen in seinen späteren Werken scheint ihm der Begriff der Gesellschaft ein wichtiges Gefäss für die Entwicklung seiner philosophischen Ideen zu sein und die Abgrenzung derselben vom Gemeinschaftlich-Ideologischen ein stetes Anliegen. Mit der These, dass sich Naṣṣārs Werk anhand der Begriffe Gemeinschaft und Gesellschaft fassen lässt, wird ferner angenommen, dass sein Schaffen trotz dessen Rezeption in der ganzen arabischsprachigen Welt, v.a. aber in Marokko, von seinem libanesischen Entstehungskontext und Naṣṣārs Kampf gegen den libanesischen Konfessionalismus her geprägt ist.

Finanzierung: im Rahmen der Redaktions-Stelle, vorher: Janggen-Pöhn-Stiftung St. Gallen.